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Preisträger:innen Kapp-Forschungspreis 2018


München, 28. September 2018 – Der Kapp-Forschungspreis für Ökologische Ökonomie ist am 28. September 2018 in der International School of Management (ISM) in Stuttgart vergeben worden. Die Preisverleihung fand im Rahmen der Jahrestagung der Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ) statt. Der mit 5.000 Euro dotierte Forschungspreis dient der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung. Von den aus dem In- und Ausland eingereichten Studien wurden drei für einen Preis ausgewählt.

Der Wirtschaftswissenschaftler Dr. Steffen Lange erhielt 2.000 Euro für seine an der Universität Hamburg geschriebene Dissertation zum Thema „Macroeconomics Without Growth: Sustainable Economies in Neoclassical, Keynesian and Marxian Theories“. Die Studie geht der Frage nach, welche makroökonomischen Rahmenbedingungen zu nachhaltigen Ökonomien ohne Wachstum führen würden. Hierzu werden die einschlägigen Theorien aus der neoklassischen, der keynesianischen und Marx’schen Theorieschule untersucht – mit dem Ergebnis, dass Nullwachstum aus Sicht aller Theorien grundsätzlich denkbar ist. Jedoch jeweils nur unter bestimmten, letztlich wirtschaftspolitisch umzusetzenden Bedingungen etwa hinsichtlich der Steuerung von Angebot und Nachfrage sowie der Arbeitszeit. Die Studie mündet in der Entwicklung eines eigenen Modells für nachhaltige Ökonomie ohne Wachstum.

Aus Sicht der Jury ist die Arbeit von Steffen Lange nicht nur wegen ihres hohen wissenschaftlichen Niveaus und der umfassenden Kenntnis aller Spielarten der heute an Universitäten gelehrten Makroökonomik herausragend. Sie ist auch deshalb so außergewöhnlich, weil sie das Themenfeld „Postwachstum“, das sich jenseits des sog. Mainstreams entwickelt hat, in diesen hineinträgt. Die hier Lehrenden und Lernenden werden, so die Jury in ihrer Begründung, an diesem Buch nicht mehr vorbeikommen; und damit auch nicht mehr an der Diskussion darüber, von welcher Wirtschaft volkswirtschaftliche Theorien handeln – und welchen Beitrag die Wissenschaft für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft leisten kann.

Die Volkswirtin Barbara Plank erhielt ein Preisgeld in Höhe von 1.500 Euro für ihre an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt verfasste Masterarbeit „Is International Trade Driving Global Resource Use? An Analysis of the Socioeconomic Drivers of the Growth in Global Raw Material Consumption from 1990 to 2010“. Die Arbeit konnte erstmals empirisch nachweisen, dass die internationalen Handelsstrukturen signifikant zum Gesamtanstieg des globalen Ressourcenverbrauchs beigetragen haben. Die zunehmenden Handelsverflechtungen führten zwischen 1990 und 2010 zu einem Anstieg des globalen Materialverbrauchs von 30 Prozent. Die Analyse zeigt außerdem, dass wohlhabende Industriestaaten nach wie vor eine große Rolle als treibende Kräfte des globalen Materialverbrauchs innehaben, da sie vermehrt aus Ländern importieren, die weniger material-effizient produzieren.

Die Jury war zum einen beeindruckt von dem klaren und differenzierten Nachweis, nicht nur dass der weltweite Ressourcenverbrauch steigt, sondern auch, wo und aufgrund welcher ökonomischer Dynamiken Ressourcen abgebaut und konsumiert werden; zum anderen von den Aussagen über die Rolle des internationalen Handels und der Industrieländer dabei. Die Preisträgerin hat Ressourcen verbräuche und ihre Entwicklungen mit regionalen Input-Output-Modellen errechnet und kann auf dieser Basis global gültige Aussagen machen. Sie kratzt an der unter Fachleuten und Politikern weit verbreiteten Hoffnung auf eine Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wirtschaftswachstum, zeigt aber auch, wo angesetzt werden könnte, um den Ressourcenverbrauch zu reduzieren.

Der Nachhaltigkeitsökonom Marius Rommel erhielt ein Preisgeld in Höhe von 1.500 Euro für seine an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg geschriebene Masterarbeit „Zukunftsfähige Wirtschaftsgemeinschaften (CSX) – Übertragung der CSA-Logik auf andere Versorgungsfelder“. In der transdisziplinär angelegten Forschungsarbeit wird zunächst die Nachhaltigkeitswirkung von Community Supported Agriculture (CSA) untersucht: einer bereits erfolgreich praktizierten Form von Solidarunternehmen, bei der Erzeuger und Verbraucher gemeinsam die Herstellung ihrer Lebensmittel – ohne Markt und Zwischenhandel – lokal bzw. regional organisieren. Auf dieser Basis entwickelt Marius Rommel ein mikroökonomisches Modell für Solidarunternehmen und einer „Ökonomie der Nähe“, das auch auf andere Versorgungsfelder übertragen werden kann, wie er am Beispiel der Lebensmittelveredelung (handwerkliche Brauerei) und des Textilhandwerks (Schneiderei) aufzeigt.
 
Marius Rommel beeindruckte die Jury durch seine herausragende wissenschaftliche Leistung. Der Autor systematisiert Merkmale von CSA-Konzepten und deren Übertragbarkeit in andere Bedürfnisfelder durch eine anspruchsvolle Methodik. Die empirische und formale Qualität dieser Masterarbeit ist dabei ungewöhnlich hoch. Jede weitere Forschung zu oder praktische Umsetzung von CSX-Konzepten könnte diese Arbeit als Leitfaden bzw. Entwurf einer Forschungsagenda heranziehen. Die Arbeit von Marius Rommel wartet zudem mit sehr kreativen graphischen Darstellungen und einer sprachlichen Eleganz auf, die in Masterarbeiten, so die Jury in ihrer Begründung, selten anzutreffen ist.

Der Kapp-Forschungspreis für Ökologische Ökonomie wird im zweijährigen Turnus gemeinsam von der VÖÖ, der anstiftung, Kapp-Stiftung, Hatzfeldt-Stiftung sowie der Selbach-Umwelt-Stiftung vergeben. Der Name des Preises erinnert an den bedeutenden Ökonomen Karl William Kapp (1910-1976), der bereits Anfang der 1950er-Jahre als einer der ersten Ökonomen die sozialen und ökologischen externen Kosten der Marktwirtschaft aufgezeigt und analysiert hat. Die Jury des Preises ist interdisziplinär besetzt und besteht aus Wissenschaftler/-innen der Ökonomie, Soziologie, Wissenschaftstheorie sowie der Natur- und Kulturwissenschaften. Bewerbungsfrist für die nächste Ausschreibung ist voraussichtlich der 1. März 2020; die Bewerbungsunterlagen sind ab Sommer 2019 über die Geschäftsstelle des Forschungspreises erhältlich.

 

Summary Lange

Summary Plank

Summary Rommel